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Warum Covid-19-Genesene plötzlich unter Extrem-Müdigkeit leiden

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87 Prozent der Corona-Patienten fühlen sich laut einer Studie auch acht Wochen nach offizieller Genesung noch krank. Die Hälfte von ihnen klagt über anhaltende Müdigkeit. Charité-Professorin Carmen Scheibenbogen erklärt, warum das nach einer schweren Infektion zunächst nicht unüblich ist – und ab wann Sie zum Arzt gehen sollten.

Der lapidare Vergleich von Covid-19 mit einer harmlosen Grippe-Variante ist lange vom Tisch. Inzwischen lautet die Frage weniger, ob das Virus auch andere Organe als die Lunge schädigen kann, sondern vielmehr: Wie massiv greift es in den Organismus und seine Funktionen ein und welche Langzeitschäden richtet es dort an?

Eine Studie italienischer Wissenschaftlicher zeigt nun: Wirklich überstanden ist die Infektion bei vielen offenbar zum Zeitpunkt ihrer offiziellen Genesung zumindest nicht. Wie die Forscher in ihrer in der Fachzeitschrift „JAMA Network“ veröffentlichten Arbeit schreiben, wiesen von 143 befragten Probanden und zuvor stationär im Krankenhaus behandelten Ex-Corona-Patienten nur 18 nach 60 Tagen keinerlei Symptome mehr auf. 125 und damit mehr als 87 Prozent klagten hingegen auch zwei Monate nach eigentlich überstandener Infektion noch über Krankheitszeichen – darunter Atemnot, Gelenk- und Brustschmerzen oder Durchfall.

Am häufigsten berichteten die Probanden jedoch von anhaltender Müdigkeit (53,1 Prozent) und einer Erschöpfung, die teilweise erst nach dem scheinbar vollständigen Abklingen der Corona-Symptome kommt, dann aber nicht mehr gehen will.

Überreaktion des Körpers ist schuld an der Müdigkeit

Carmen Scheibenbogen von der Berliner Charité verwundert das nicht. Die Leiterin des Fatigue Centrums der Hauptstadt-Unimedizin nennt ein über Wochen anhaltendes Erschöpfungsgefühl in Folge einer schweren Virusinfektion nicht ungewöhnlich. „Oft ist es dann so, dass das Immunsystem durch die Infektion erst massiv hochfährt – und der Körper es danach nicht mehr schafft, es wieder auf ein Normalmaß zurück zu schrauben. Häufig reguliert sich das aber mit der Zeit von selbst und nach zwei bis drei Monaten geht es den meisten Patienten wieder gut.“

Hält die Fatigue länger als sechs Monate an und kommen weitere Symptome hinzu, kann sich daraus ein Chronisches Fatigue Syndrom entwickeln, kurz CFS. Mit bloßer Müdigkeit, die möglicherweise lästig, aber nicht übermäßig einschränkend ist, hat das dann allerdings nur noch wenig zu tun, erläutert die Professorin für Immunologie. „CFS-Patienten sind oft schwerstkrank, können nur noch liegen. Zudem leiden sie in vielen Fällen unter starken Muskel- oder Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen. Leichteste Tätigkeiten im Haushalt können sie so stark fordern, dass sich danach tage- oder wochenlang starke Beschwerden haben.“ Das macht die Krankheit für die Medizinerin zu einer der schwersten, die es überhaupt gibt. Auch weil das soziale Umfeld die Symptome oft nicht nachvollziehen kann und sie bagatellisiert.

„Deswegen ist auch dieser Begriff Chronisches Fatigue Syndrom aus meiner Sicht völlig irreführend“, kritisiert Scheibenbogen. „CFS ist viel mehr als nur Fatigue oder Erschöpfung. Am ehesten lässt es sich wohl mit dem Gefühl beschreiben, das man hat, wenn man mit einer schweren Grippe im Bett liegt. Und das dann als Dauerzustand“, ordnet die Professorin ein.

Zur Person

Carmen Scheibenbogen ist habilitierte Immunologin und leitet das Fatigue Centrum an der Berliner Charité. Das Zentrum gilt deutschlandweit als führend, was das Chronische Fatigue Syndrom angeht.

Fatigue trifft vor allem Junge und Frauen

Bis ein Arzt allerdings die Diagnose CFS stellen kann, müssen mindestens sechs Monate vergehen. „Bis dahin sprechen wir lediglich von einer postviralen Fatigue.“ Sie kommt deutlich häufiger vor und gibt sich in den meisten Fällen innerhalb weniger Monate wieder. Inwiefern die Fatigue von ehemaligen Corona-Patienten temporär oder aber bleibend sein wird, kann die Medizinerin bislang nicht sagen, wie sie betont. Zu wenige empirische Daten lägen vor, Studien gemäß wissenschaftlicher Qualitätskriterien fehlten bislang komplett.

Bei einigen Patienten hätte sich die Fatigue nach wenigen Wochen bereits wieder zurückgebildet, schildert Scheibenbogen ihre bisherigen Erfahrungen. Andere litten schon seit mehr als vier Monaten darunter. Der jüngste Patient mit anhaltender Fatigue-Symptomatik, der sich ihr im Centrum anvertraut hat, ist unter 30. Und auch sonst sind es mitnichten nur Menschen, die auf der Intensivstation beatmet werden mussten und schwere Verläufe durchgemacht haben, die jetzt unter der lähmenden Fatigue leiden. „Es sind im Gegenteil viele Jüngere. Sie waren vor der Infektion topfit, haben Vollzeit gearbeitet. Jetzt sind sie teilweise so krank, dass sie nicht mehr arbeiten können.“

Sport und Stress sind kontraproduktiv

Ähnlich geht es den meisten, die an CFS erkrankt sind – einer Erkrankung, deren Puzzleteile sich unabhängig von Covid-19 nur langsam ineinanderfügen. Jahrzehntelang wurde die Krankheit kaum bis gar nicht erforscht, in einen Topf geworfen mit – wie man heute weiß – organisch deutlich anders gelagerten Erkrankungen wie Burnout und Depression. „Deswegen kennen wir die genauen Zusammenhänge bis heute nicht. Wir gehen aber davon aus, dass CFS eine Autoimmunkrankheit ist, die in der Regel nach einer Virusinfektion auftritt und die Feinsteuerung im Körper aus dem Lot bringt“, erläutert Scheibenbogen.

Frauen haben dafür aufgrund ihrer Hormone ein höheres Risiko, ihr Immunsystem ist tendenziell aktiver als das von Männern und gleichzeitig anfälliger für Störimpulse. Auch elementare Körperfunktionen sind davon betroffen: „Viele CFS-Patienten atmen deshalb zu schnell, das Herz schlägt zu schnell, die Durchblutung der Muskulatur ist beeinträchtigt“, beschreibt die Professorin.

Die Therapiemöglichkeiten, um der Symptomatik entgegenzuwirken, sind indes begrenzt. Weil es am Verständnis der Mechanismen hinter der Krankheit mangelt, gibt es bisher keine gezielte Therapie. Medikamente können lediglich Schmerzen und Schlafstörungen lindern. Gezielte Ruhephasen helfen dem Körper zusätzlich.

Genau deshalb ist es aus Sicht der Expertin wichtig, dass CFS frühzeitig diagnostiziert wird – und Hausärzte das Problem in Unkenntnis nicht durch falsche Empfehlungen verschlimmern. „Gegen normale Erschöpfungszustände, nach Tumorerkrankungen zum Beispiel, kann Sport sehr gut helfen. Beim CFS verstärkt die Überlastung allerdings die Symptome und die Patienten werden kränker und kränker.“ Stattdessen brauche der Körper dann Ruhe, physisch wie psychisch, führt die Medizinerin aus.

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Nach sechs Monaten sollten Sie zum Arzt gehen

Wer nach einer durchgemachten Corona-Infektion anhaltend unter Müdigkeitssymptomen leidet, brauche sich zunächst jedoch keine allzu großen Sorgen machen, betont sie. „Wer nach einem halben Jahr aber immer noch diese Symptome zeigt, sollte sich durchchecken lassen und wenn kein anderer organischer Grund gefunden wird, auf CFS untersuchen lassen.“

Dass das bei möglichst wenigen Covid-19-Patienten nötig sein wird, kann Scheibenbogen nur hoffen. Ob sich das Erschöpfungsgefühl bei allen vollständig zurückbildet, scheint allerdings fraglich. „Es gibt eine Reihe von Studien, die zeigen, dass sich nach schweren Infektionen bei einem kleinen Teil der Erkrankten CFS entwickelt“, verweist die Professorin auf die bisherigen Erkenntnisse aus der Forschung. Wie viele das aber am Ende sein werden und wie es sich im Krankheitsverlauf genau ausprägt, könne momentan noch niemand sagen. „In jedem Fall ist es eine ernstzunehmende Folgeerkrankung, die die Lebensqualität der Betroffenen stark einschränkt.“

Hintergrund: Chronisches Fatigue Syndrom (CFS)

Unter dem weitgehend unbekannten Chronischen Fatigue Syndrom, oder auch Myalgische Enzephalomyelitis (ME) genannt, leiden Schätzungen zufolge bis zu 400.000 Menschen in Deutschland. Trotzdem sind die Krankheit und seine Symptome weitgehend unbekannt. Anlaufstellen und Informationen finden Betroffene beim Berliner Fatigue Centrum und dem Bundesverband Chronisches Erschöpfungssyndrom.

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