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Vilseck: Wut und Unverständnis in der Oberpfalz über US-Truppenabzug

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Der Teilabzug der US-Truppen aus Deutschland steht für die Trump-Regierung fest. Knapp 12.000 Soldaten weniger als bisher sollen im Land stationiert sein, noch weniger als zunächst angenommen. Besonders schwer davon betroffen ist wohl Vilseck in der Oberpfalz.

Hans-Martin Schertl nimmt sich am großen Tisch in seinem Amtszimmer die rechteckige Brille von der Nase, bittet um Entschuldigung und wischt sich mit einem weißen Taschentuch Tränen aus den Augen.

Politik ist ein hartes Geschäft. Auch ein emotionales. Das weißt Schertl spätestens seit gestern. Da verkündete US-Verteidigungsminister Mark Esper das, was Schertl seit Wochen befürchtete. Nämlich den Abzug eines Teils der US-Truppen in Deutschland. Es sollen fast 12.000 von 36.000 sein.

Schertl ist Bürgermeister von Vilseck, das im Süden an den US-Truppenübungsplatz Grafenwöhr grenzt. Das Areal, das zu den Gemeinden Vilseck und Grafenwöhr gehört, umfasst 233 Quadratkilometer grünes Hügelland mit Mischwald, 14 Kilometer lang, 25 Kilometer breit, militärisches Sperrgelände. Rund 10.000 US-Soldaten versehen auf dem Truppenübungsplatz ihren Dienst, 5500 davon wohnen in Vilseck. Und aus Vilseck könnten 4500 abgezogen werden. „Die Amerikaner sind seit 1948 hier. Es ist ein Geben und Nehmen. Sie sind unsere Freunde, es gibt zahlreiche persönliche Beziehungen. Wenn sie gingen, dann wäre das für Vilseck ein wirtschaftlicher GAU. Die Entscheidung von Trump macht mich sauer“, sagt Schertl.

Bürgermeister fassungslos über Tramps Strafaktion

Schertl will einfach nicht glauben, dass Trump den Abzug nun durchsetzen will. Und das nur, weil Deutschland noch immer deutlich von den Verteidigungsausgaben entfernt ist, die die Nato-Mitglieder vereinbart haben. Leider sei das Verhältnis von Trump und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) „nicht das Beste, und wir müssen nun dafür büßen“, meint Schertl, der für die freie Wählergemeinschaft „Arbeitnehmer-Eigenheimer“ im Rathaus sitzt.

Schertl weiß natürlich, dass selbst hochrangige US-Militärs gegen diesen Truppenabzug sind. „Ich kenne Ben Hodges, den vorletzten Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Europa, persönlich. Diesen Truppenübungsplatz nennen die Militärs ihre ‚Kronjuwelen‘, in den Millionen von Dollar investiert wurde. Und Hodges war von Anfang an gegen den Abzug, da er militärisch die eigenen Truppen schwächt.“

Schertl hofft zwar, dass die bayerische Staatsregierung und auch der Bund helfen werden, wenn der Abzug wirklich kommt. Dennoch befürchtet er „erhebliche wirtschaftliche Schäden“.  Denn klar ist , dass es Zeit brauchen wird, bis diese Hilfe fließen.

Der Einfluss der US-Streitkräfte auf Vilseck ist enorm. Zu den Streitkräften gehörten laut Schertl 9000 Familienangehörige sowie 8500 Zivilisten, die auf dem Truppenübungsplatz arbeiteten. Das regionale Handwerk sei völlig ausgerichtet auf die Anwesenheit der US-Truppen, sagt der Bürgermeister.

„Brauchen Zeit, um auf Trumps wirre Entscheidung zu reagieren“

Auch vor den Türen des Rathauses ist die Stimmung im Ort an dem Tag nach der Verkündung ziemlich gedrückt.  „Wenn die Truppen wirklich abziehen werden, dann wird es schwierig“, prophezeit Alexander Kreuzer, Wirt vom „Gasthof Hammer“. Einen Vorgeschmack gab es während der Corona-Krise. „Wir haben hier traditionell sehr viele amerikanische Gäste. Als der Truppenübungsplatz vier Wochen unter Quarantäne stand, da haben wir hier sehr viel Platz in der Wirtschaft gehabt. Viel zu viel.“ Er hofft einfach, dass der Abzug sehr lange dauert, damit der Ort Zeit hat, “auf die wirren Entscheidungen von Trump zu reagieren“.

Feixen am Stammtisch: “Der Trump is a Gaudi-Bursch”

Noch wütender sind die Gäste am Tisch direkt vor dem Tresen zu, an dem der Rentner Klaus-Dieter Seibold mit zwei Bekannten um 12 Uhr mittags Weißbier genießt. „Dumme Menschen machen immer denselben Fehler, schlaue Menschen immer neue“, sagt Seibold. Trump sei für ihn „a Gaudi-Bursch“, er wünsche sich sehr, dass er bei der Wahl im November scheitere. Trump habe Recht, wenn er sagt, Deutschland zahle nur 1,43 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in den Verteidigungshaushalt. „Doch dass er Deutschland mit dem Truppenabzug erpressen will, ist eine Sauerei. Trump macht alles kaputt.“

“Wenn sie ihn wiederwählen, müssen sie ihn auch aushalten”

Richtig sauer ist auch Sonja Kopf, die sich vor einem Schuhladen mit einer Bekannten unterhält. „Der Trump will uns nur eins draufknallen mit seiner perfiden Art. Der ist schon zweimal pleite gegangen, kein Wunder“, wettert die 58-jährige Speditionskauffrau. Auch sie befürchtet viele negative Auswirkungen für die örtliche Wirtschaft, vor allem das Handwerk. „Versuchen Sie mal, in Vilseck einen Handwerker zu bekommen. Die sind alle bei den Amerikanern unterwegs“, während die Deutschen oft länger auf einen Termin warten müssten.

Künftig könnten viele dieser Handwerker in Vilseck arbeitslos werden, wirft ihre Bekannte ein.

“Trump wird ganze Reihe von schlaflosen Nächten bereiten”

Und auch Philipp Spiritopulos, der direkt neben dem Rathaus ein griechisches Restaurant betreibt, ist sauer auf den US-Präsidenten. „Der Truppenabzug ist nicht gut für diese Region, er macht alles kaputt“, sagt der Grieche, der bereits seit 30 Jahren in Deutschland lebt.

Doch Spiritopulos glaubt nicht, dass Donald Trump im November wiedergewählt wird. „Er hat einfach zu viele Fehler gemacht. In den USA, in Europa, mit Russland. Ich hoffe sehr, dass die Amerikaner hier in Vilseck bleiben.“

Diese Hoffnung teilt der Grieche mit dem Bürgermeister von Vilseck, der auch darauf setzt, dass der Truppenabzug in der geplanten Größenordnung kaum in ein paar Monaten erfolgen kann. „Doch bis November“, sagt Hans-Martin Scherl, „wird mir Trump vermutlich noch eine ganze Reihe von schlaflosen Nächten bereiten“.

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