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Umweltbank-Chef: Wenn Unternehmen nicht umdenken, gehen sie unter

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Die Corona-Krise hat gezeigt: Gemeinsam können wir etwas erreichen – vor allem in Sachen Nachhaltigkeit. Doch um die neu gewonnenen Chancen zu nutzen, müssen Konsequenzen folgen. Wir dürfen jetzt nicht stehen bleiben, sagt Umweltbank-Vorstand Goran Bašić. Ein Plädoyer fürs Weitermachen.

Die Corona-Krise hat uns bereits einiges gelehrt. Nicht nur Geduld und Verzicht, sondern auch, dass es keine Rückkehr zu der Normalität gibt, wie wir sie kannten. Die Bilder aus Bergamo während des Shutdowns, von einem nicht enden wollenden Lkw-Konvoi mit Särgen, haben uns auf erschütternde Weise vor Augen geführt, dass wir nicht über den Dingen stehen. Wir sind Teil eines Ganzen. Die Pandemie hat verdeutlicht, dass unser eigenes Verhalten unmittelbare Auswirkungen hat – auf andere, aber auch auf die Umwelt. Hier sehe ich wichtige Chancen für die Zukunft.

Reisewarnungen, Kontaktbeschränkungen und geschlossene Geschäfte: Um die Verbreitung des Virus einzudämmen, hat die Regierung etliche Maßnahmen getroffen. Dazu ist beim Thema Mobilität in den letzten Monaten viel passiert, denn ganze Teams arbeiten statt im Büro nun von zu Hause aus. Videokonferenzen ersetzen zuvor angeblich unverzichtbare Dienstreisen. Viele Pendler sind aufs Fahrrad umgestiegen. Dass diese Entwicklungen positive Effekte aufs Klima haben, zeigte sich relativ schnell. So sanken bereits nach wenigen Wochen die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen stark.

Über den Gastautor

Goran Bašić ist Vorstandsmitglied der Nürnberger Umweltbank AG. Bašić studierte nach dem Abitur zunächst Betriebswirtschaft an der Universität Sarajevo und anschließend Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Bevor der gebürtige Nürnberger mit bosnischen Wurzeln im Juli 1999 zur Umweltbank kam, war der Diplom-Volkswirt zwei Jahre lang in Sarajevo tätig. Im Rahmen eines Projektes der Weltbankgruppe baute Goran Bašić vor Ort eine Geschäftsbank für kleine und mittlere Unternehmen auf.

Bei der Umweltbank wurde er 2008 zum stellvertretenden Abteilungsleiter und zwei Jahre später zum Prokuristen ernannt. Die Abteilungsleitung übernahm Bašić im Jahr 2011. Seit Juli 2014 ist er Mitglied des Vorstands.

Die Luft schien während des Shutdowns vor allem in Ballungsgebieten wieder reiner zu sein. Ein aktueller Bericht mehrerer UN-Organisationen macht nun aber deutlich, dass die Corona-Auflagen den Klimawandel zunächst nur vorübergehend ausgebremst haben. Bereits Anfang Juni hätten die CO-Emissionen wieder knapp unter denen des Vorjahres gelegen. Das sind ernüchternde Nachrichten. Doch diese müssen wir als Warnsignal verstehen – und handeln. Schließlich haben die kurzfristigen Effekte gezeigt: Die Natur reagiert schnell. Die Aussage „es bringt sowieso nichts, wenn ich mein Verhalten ändere“ ist damit widerlegt.

Bewusst hinterfragen: Konsumverhalten überdenken

Viele Verbraucher sind seit der Pandemie in Sachen Konsum zurückhaltender geworden. Die Gründe sind leicht auszumachen: Zum einen waren viele Shoppingmeilen zeitweise geschlossen, zum anderen haben viele Menschen Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren oder sind wegen Kurzarbeit von Gehaltseinschnitten betroffen.

Die Krise hat uns aber parallel auch mehr Zeit gegeben, unser Konsumverhalten zu überdenken. Wir sind es gewohnt, dass Waren im Überfluss und möglichst billig verfügbar sind. Klar ist aber: Diese Preise decken nicht die wirklichen ökologischen und sozialen Kosten ab. Günstige Handys, Kleidung oder Lebensmittel werden oft auf den Schultern von armen Menschen oder gar Kindern produziert.

Unsere Aufgabe ist es, das zu hinterfragen und bewusster einzukaufen. Die Krise hat uns gezeigt, dass wir das können. Regionale Produkte etwa haben in Zeiten der Pandemie an Bedeutung gewonnen. Davon profitiert die Umwelt, weil lange Transportwege wegfallen.

Auch beim Fleischkonsum muss ein Umdenken stattfinden. Die vielen Corona-Fälle in Schlachthöfen haben Missstände aufgedeckt und zum Glück eine neue Billig-Fleisch-Debatte entfacht. Diese zwingt nicht nur die Betriebe zum Handeln, sondern auch die Konsumenten.

Nachhaltiger Kapitalismus: weg von blindem Wachstum

All diese Überlegungen geben Hoffnung. Doch wie können wir diese Chancen der vergangenen Monate nutzen? Indem wir kritisch hinterfragen. Dazu gehört, den Grenznutzen der Globalisierung zu erkennen. Viele Länder haben in den letzten Jahren stark von der weltweiten Vernetzung profitiert, ganz besonders Deutschland. Doch die Krise hat gezeigt, wie verletzbar diese Strukturen sind.

Hier brauchen wir ein neues Verständnis: Das Ziel der Wirtschaft darf es nicht sein, um jeden Preis Gewinne zu maximieren. Wir müssen weg von diesem blinden Wachstumsstreben und uns stattdessen fragen: Wie sieht ein gesundes Wachstum aus? Wie kann ein nachhaltiger Kapitalismus gestaltet werden? Wie kann Wirtschaft einen Mehrwert für Gesellschaft und Umwelt schaffen?

Es darf nicht nur darum gehen, seinen Erfolg an bloßen Finanzkennzahlen zu messen. Die Umweltbank beispielsweise durchleuchtet ihre Partner, bevor sie mit ihnen zusammenarbeitet oder einen Kredit vergibt. Dafür hat sie weitreichende Kriterien definiert, die auf den Sustainable Development Goals basieren, den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. Dazu gehören etwa Maßnahmen zum Klimaschutz, für saubere Energie und bezahlbaren ökologischen Wohnraum.

Aus meiner Sicht müssen noch viele weitere Unternehmen und Wirtschaftszweige nachhaltiger werden, um in Zukunft erfolgreich zu sein. Das lässt sich gut an der Automobil- und Energiebranche beobachten. Wenn Unternehmen nicht umdenken, gehen sie unter. Nachhaltigkeit muss als Antrieb wahrgenommen werden, der ganze Konzerne voranbringen kann und gleichzeitig ökologische und soziale Probleme bekämpft.

Solidarität und Opferbereitschaft: Jetzt nicht stehen bleiben

So sehr wir uns nach Normalität sehnen, nach den „guten alten Zeiten“ mit Billigflügen nach Mallorca und dem Kilo Hackfleisch für vier Euro – jetzt müssen Konsequenzen folgen. Wir dürfen die neu gewonnenen Lehren und Errungenschaften nicht gleich wieder verwerfen und in alte Verhaltensmuster zurückfallen.

Es ist nicht lange her, dass wir Pflegekräften und Medizinern applaudiert haben und ihnen für ihren Einsatz dankbar waren. Wir konnten darüber hinaus ein neues Maß an Hilfsbereitschaft beobachten: Viele Menschen haben angeboten, die Einkäufe ihrer älteren oder kranken Nachbarn zu übernehmen. Diese Solidarität dürfen wir nicht vergessen – wir müssen sie erhalten. Was alles möglich ist, hat die Krise bereits eindrucksvoll gezeigt.

Besonders für die Umwelt darf die Pandemie nicht nur eine Verschnaufpause gewesen sein. Wir müssen das Momentum der Krise nutzen, um Nachhaltigkeitsthemen in den gesellschaftlichen Fokus zu rücken und sie voranzubringen. Hier sehe ich jeden Einzelnen in der Pflicht, sein Konsumverhalten, regelmäßige Langstreckenflüge oder den eigenen Anteil beim Thema Naturschutz kritisch zu hinterfragen – auch wenn es eine gewisse Opferbereitschaft erfordert.

Es wäre fatal, jetzt schon stehen zu bleiben oder gar wieder zurück auf Los zu gehen. Wir müssen in Bewegung bleiben. Denn ein zögerndes Handeln kann Menschenleben kosten – das gilt nicht nur für die aktuelle Pandemie, sondern auch für die Klimakrise. Denn irgendwann ist es schlichtweg zu spät.

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