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Krise macht aus Chaos-Truppe Lehrertraum

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Corona-bedingter Unterrichtsausfall, abgehängte Schüler. Ein freiwilliges Bildungsprojekt steuert gegen und zeigt, wie Lernen Spaß macht.

Es ist diese Ruhe. Fast schon gespenstisch. Kein Knirps flitzt um die Ecke. Kein lautes Lachen, kein Geschrei, kein Toben. Das also soll eine Grundschule sein? So still? So diszipliniert? Konzentriert sitzen Schülerinnen und Schüler beisammen und lernen. Und dazu noch solche Sätze: „Ich bin fast immer gerne in der Schule.“ Mofa sagt das. Er ist gerade einmal zwölf. Also in dem Alter, in dem Unterricht eher als lästige Pflicht und nicht als Spaßfaktor angesehen wird.

Corona hat über Wochen das gesellschaftliche Leben in Deutschland lahmgelegt. Hermetisch abgeriegelte Altenheime, auf null gedrosselte Industrieproduktionen, Clubs und Kneipen dicht. Und: geschlossene Schulen. Ein bisschen Homeschooling. Unterricht per Zoom. Ausgefallene Klausuren. Aber egal, wie engagiert sich die Lehrer abmühten, Fakt ist: Wissenslücken bleiben. Viele Schüler – vor allem aus bildungsfernen Familien – drohen den Anschluss zu verlieren.

Corona-bedingt ausgefallenen Unterricht freiwillig nachholen

Wie zum Beispiel Mofa. Mit seinen zwölf Jahren ist er unter normalen Umständen eigentlich schon zu alt für die vierte Klasse. Aber der Junge kam erst vor Kurzem aus Syrien. Deutsch spricht er schon akzentfrei, in Mathe hapert es noch. Deshalb besucht er jetzt, während der Sommerferien, die Grundschule Roter Hahn am Stadtrand Lübecks. Ihm gegenüber sitzt Yazen, 12, aus dem Irak: „Lesen ist meine Baustelle“, sagt er. Lächelnd, als wär’s ein Spaß im Klassenzimmer.

„Lernsommer“ nennt Schleswig-Holsteins Kultusministerin Karin Prien (CDU) die Sonderschichten an Schulen ihres Landes. Die Idee: Unterricht, der wegen der Corona-Zwangsschließungen ausfiel, soll in den Sommerferien nachgeholt werden – freiwillig -, was für Schüler und Lehrer gilt.

Am Ende beteiligten sich wohl deshalb nur 142 von 792 Schulen an dem Projekt im Norden. Kreativ zeigte sich dabei so mancher Schulleiter in seiner Absage. Im Kern allerdings drehte sich alles um die Behauptung, das würde nichts bringen, weil ohnehin nur die kämen, die sowieso fleißig und strebsam seien. Oder die, bei denen die Eltern sich bildungstechnisch auch mal selbst um ihren Nachwuchs kümmern.

Mehr zum Thema: Große 16-Bundesländer-Übersicht! Worauf Sie sich zum Schulstart einstellen müssen

Täglich von 8 bis 13 Uhr Unterricht

An der Grundschule Roter Hahn waren sich Leiterin Nicole Völschow, 46, und mehr als die Hälfte ihrer 16 Kollegen schnell einig, den Laden in den Ferien zu öffnen. Von rund 270 Schülern kamen über 70. Sie lernen seitdem in Zehnergruppen. Unterricht ist täglich von 8 bis 13 Uhr. Hauptsächlich in den Grundfächern: Lesen, Schreiben, Rechnen. Und weil der Rote Hahn eine bilinguale Schule ist, gehört auch Englisch zum Angebot. Die Klassen sind bunt gemischt. Die Schüler können gezielt ihre Schwachpunkte angehen und ihre Lücken schließen. Es muss auch nicht jeder die fünf Stunden im Klassenzimmer verbringen.

Zu ihrem Engagement trieb die Lehrer weniger eine üppige Bezahlung (die gibt es nämlich nicht), sondern schon eher so etwas wie ihr Pädagogen-Ethos oder auch der ehrliche Dank der Eltern, die irgendwann Corona-genervt nicht mehr wussten, wie sie ihren Kids zu Hause das kleine Einmaleins beibringen sollten. Und außerdem ist ja eh alles anders in diesem Katastrophenjahr: „Normalerweise wäre ich jetzt in Südfrankreich“, sagt Mareile Buchholz, 31, zuckt mit den Schultern und kümmert sich dann weiter um ihre Schüler.

Plötzlich macht Schule Spaß. Allen!

Der Ausnahmezustand weckt längst verschollen geglaubte pädagogische Träume. „Wir würden liebend gerne immer in diesen Kleingruppen arbeiten“, sagt Thorsten Nummert, 47, der in den Sommerferien deutlich mehr Spaß an seinem Job als üblich hat: „Nun darf ich mich endlich mal darum kümmern, dass die Kinder lernen.“ Sonst gehe es eher darum, das natürliche Chaos einer Truppe von 30 Kids unter Kontrolle zu bringen.

Das Pädagogikparadies muss zum Ende der Ferien schließen. Wenn danach der Schulalltag beginnt, wird Nicole Völschow wieder mit der üblichen Mangelverwaltung beschäftigt sein: Drei ihrer Kollegen, so viel weiß sie schon jetzt, gehören zur Risikogruppe und können daher nicht wie gewohnt eingesetzt werden. Bislang hat sie noch keine Idee, wie sie das auffangen soll. Aber so ist es ja eigentlich immer: „Wir sind eine Brennpunktschule.“ Das bedeute andauernd „Spitzensport“ für die Kollegen und sie selbst.

“Dass wir so lange freihatten vorher, das war schlecht”

Amelio ist beim „Lernsommer“ das letzte Mal an seiner Grundschule. „Ich würde gerne noch mehr lernen, damit es mir in der fünften Klasse besser geht“, sagt er. Der Elfjährige wechselt mit Mofa auf die weiterführende Schule. Leonie, 9, aus der Dritten, treibt es nicht nach Hause: „Ich finde es richtig gut, in den Sommerferien in der Schule zu sein. Dass wir so lange freihatten vorher, das war schlecht.“

Hoffnungen, dass Bedingungen wie beim „Lernsommer“ bald Alltag werden, erteilt Ministerin Karin Prien eine Absage: „Unterricht in sehr kleinen Gruppen gehört zwar auf die lange Wunschliste jedes Kultusministers“, sagt sie. Nur leider eben nicht ganz oben.

Dieser Text ist zuerst im FOCUS Magazin erschienen. Hier geht’s zu mehr spannenden Geschichten in der aktuellen Ausgabe (32/20).

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