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Genesen, nicht geheilt -Patienten leiden wochenlang an Covid-19-Folgen

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Anfangs glaubten Ärzte, es mit einem reinen Lungenproblem zu tun zu haben. Jetzt sehen sie allmählich, welche Folgeschäden Covid-19 im ganzen Körper hinterlassen kann. Viele Patienten warten vergeblich auf die Rückkehr ihrer früheren Gesundheit.

Nichts war falscher, als Covid-19 mit einer „kleinen Grippe“ zu vergleichen. Das betrifft auch die Langzeitfolgen der Erkrankung, von denen fast jeder Patient erzählt. Manche Beschwerden sind lediglich lästig und machen sich immer mal wieder bemerkbar. Manche wachsen sich zu einer chronischen Erkrankung aus, die die Lebensqualität beeinträchtigt.

Wer auf der Intensivstation künstlich beatmet werden musste, wird oft mit lebenslangen Spätfolgen zu kämpfen haben. Doch auch bei einem milden Verlauf von Covid-19 klagen viele Betroffene auch zwei, drei Monate nach dem Abklingen der akuten Symptome über ungewohnte Müdigkeit, Kurzatmigkeit bei geringen Anstrengungen oder über den nur noch eingeschränkt funktionierenden Geruchssinn.

Mediziner kennen manche Beschwerden – nur nicht so heftig wie bei Covid-19

Manche der späten Beschwerden kennen Mediziner von Infektionskrankheiten. Mit einem dicken Schnupfen schmeckt jedes Essen so fade wie eine Reiswaffel und duftet auch so. Bei einer Grippe kommt es leicht zur Lungenentzündung. Wird die Erkrankung verschleppt, kann der Herzmuskel angegriffen werden. Und mit der völligen Erholung kann es auch eine Weile dauern, wenn das Immunsystem schwer kämpfen musste und der Körper Kräfte gelassen hat.

Und doch, die Folgen von Covid-19 sind anders: vielfältiger, gravierender, bleibender. Das Virus greift mehr Organe an als anfangs vermutet, die schwer erkrankten Patienten brauchen eine längere Intensivbehandlung als gedacht. Und die Erholung von den Folgebeschwerden einer Sars-CoV-2-Infektion dauerte viel länger, als es die Mediziner von ähnlichen Symptomen durch andere Auslöser kennen.

Von Hautkribbeln bis Psychose – alles ist nach Covid-19 möglich

Die Beschwerden nach der Genesung erstrecken sich im wahren Wortsinn von Kopf bis Fuß. Einleuchtende Symptome bei einer Lungenerkrankung, wie Atembeschwerden, sind kombiniert mit so unspezifischen Empfindungen wie Kribbeln auf der Haut, einem unangenehmen Geschmack im Mund oder Magenschmerzen, die kommen und gehen. Von solchen verblüffenden Symptomen berichten auch selbst erkrankte medizinische Experten, etwa der Virologe Peter Pjotr, Direktor der London School of Hygiene and Tropical Medicine.

In Foren und in Großbritannien über eine App berichten Covid-19-Erkrankte von ihren Symptomen nach der Genesung. Einige resultieren aus einem schweren Krankheitsverlauf, andere treten sogar vermehrt bei einem milden Verlauf auf. Erste Studien beschäftigen sich jetzt zunehmend mit den Langzeitfolgen nach der Sars-CoV-2-Infektion.

Fatigue – die Schlappheit vergeht einfach nicht

Anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung ist die häufigste Nachwirkung einer Covid-19-Erkrankung. Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden mussten, brauchten mindestens drei bis vier Wochen, bis sie sich wieder einigermaßen fit fühlten. Wer Sauerstoff zur Unterstützung der Atmung brauchte, klagt sehr oft über fehlende Kraft und geringe Leistungsfähigkeit.

Italienische Mediziner beobachteten für eine in der Fachzeitschrift „Jama“ veröffentlichten Studie 143 Patienten nach der Entlassung aus dem Krankenhaus. 87 Prozent klagten auch 60 Tage nach der offiziellen Genesung über mindestens ein Symptom. Über die Hälfte beklagte eine anhaltende Erschöpfung.

Kurzatmigkeit – Bei kleinster Belastung bleibt die Luft weg

In derselben Studie berichteten über 43 Prozent der untersuchten Patienten aus der römischen Klinik über anhaltende Atemprobleme wie Kurzatmigkeit bei geringster Anstrengung. Allein beim längeren Sprechen atmen die Betroffenen schwer.

Geruchsstörung – Ex-Patienten riechen nichts

Den Duft eines Parfüms ebenso wenig wahrnehmen zu können wie den Geruch einer Mülltonne im Sommer ist ein Phänomen, das Genesene beschreiben, die sonst kaum Beschwerden hatten. Bei der Mehrzahl der Patienten bildete es sich nach zwei bis drei Wochen zurück. In einer Untersuchung mit 113 nur leicht erkrankten Patienten zeigte sich jedoch, dass 40 Prozent der Betroffenen auch vier Wochen nach Krankheitsbeginn einen gestörten Geruchs- und Geschmackssinn hatten. In bis zu zehn Prozent der Fälle bleibt die Störung länger bestehen, teilweise verschlechterte sie sich sogar mit der Zeit. Es gibt keine Garantie, dass sich der Geruchssinn wieder völlig erholt.

Geschmacksveränderung – Alles schmeckt gleich: nach nichts

Die meisten der davon betroffenen Covid-19-Patienten können die Geschmacksrichtungen süß, sauer, bitter und salzig auch während und nach der Erkrankung einigermaßen zuverlässig unterscheiden – nicht aber Aromen, für die es ein Zusammenspiel mit dem Geruchssinn brauche. Außerdem berichten Genesene, dass ein unangenehmer, metallischer oder bitterer Geschmack, den sie während der Krankheit im Mund hatten, auch danach immer wieder auftritt.

Lungenschäden – Folge der Krankheit, aber auch der Therapie

Experten rechnen bei schweren Krankheitsverläufen und langer Beatmung mit einem dauerhaft verringerten Lungenvolumen. Forscher in China haben beobachtet, dass Menschen nach schweren Krankheitsverläufen an chronischen Schädigungen des Lungengewebes (Lungenfibrosen) leiden.

Das Coronavirus bewirkt bei schweren Verläufen häufig ein akutes Lungenversagen, das sogenannte ARDS (Acute Respiratory Distress Syndrome). Dieser Zustand kommt einem Totalkollaps des Lungengewebes gleich, Membranen gehen kaputt, Wasser strömt ein, die Lunge wird schwer und steif. Die Lunge kann den Sauerstoffaustausch nicht mehr leisten.

Bei Patienten, die lange künstlich beatmet werden mussten, ist die starke Veränderungen der Lungenstruktur sehr wahrscheinlich. Eine schlechte Sauerstoffsättigung und eine geringere Belastbarkeit der Lunge können dann die bleibende Folge sein.

Die Lunge von Covid-19-Patienten reagiert auch empfindlich auf den Überdruck und auf den zugesetzten Sauerstoff in Beatmungsgeräten. Auch dadurch kann Lungengewebe irreparabel geschädigt werden und das Lungenvolumen auf Dauer vermindert bleiben.

Nierenversagen – Organkollaps durch Entzündung

Ein schwerer Covid-19-Verlauf schädigt auch die Nieren. Laut einer Studie von Forschern des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) sind bei rund 30 Prozent der Betroffenen die Nieren so stark eingeschränkt, dass sie eine Dialyse benötigen. Ob sich die Nieren nach der Genesung wieder erholen oder ob SARS-CoV-2 eine langfristige Schädigung der Nieren wie eine Niereninsuffizienz auslöst, konnten die Mediziner zum Zeitpunkt der Studie noch nicht einschätzen.

Herzleiden – Gefäßschäden, Thrombosen, Muskelentzündungen

In einer Stellungnahme des Bundesgesundheitsministeriums hieß es Mitte Mai, dass zunehmend verschiedene Herz-Kreislauf-Komplikationen und Folgeerkrankungen zu erwarten seien. Mediziner hatten eine gestörte Blutgerinnung bei Patienten mit schweren COVID-19-Verläufen beobachtet. Vermutlich sind Entzündungen der Blutgefäße daran schuld. Das verdickte Blut löst Thrombosen aus. Die Folge sind verschiedene Herz-Kreislauf-Komplikationen, wie Herzinfarkt oder eine Herzinsuffizienz. Groß ist durch eine höhere Thromboseneigung auch das Risiko für einen Schlaganfall.

Als erste hatten Mediziner in China von Herzmuskelentzündungen bei Covid-19-Patienten berichtet. Danach meldeten auch Kliniken aus Europa und den USA solche Beobachtungen. Unklar war, ob das Virus direkt zu Herzschäden führte oder ob die Schwächung des Herzens eine Folge anderer Entzündungsprozesse im Körper war.

Veränderte Genaktivität infizierter Herzzellen

Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) haben Ärzte bei der Untersuchung verstorbener Covid-19-Patienten entdeckt, dass Sars-CoV-2 Herzzellen direkt infiziert und sich darin vermehrt hatte. In der Studie, die im Fachblatt „Jama Cardiology“ erscheinen soll, beschreiben die Autoren auch, dass das Virus in der Lage sei, die Genaktivität infizierter Herzzellen zu verändern. Diese veränderte Genaktivität könnte Langzeitfolgen für die Gesundheit von Betroffenen haben.

Neurologische Schäden – Bleibt das „Covid-19-Brain“ auf Dauer?

Das RKI hatte im Mai auf erste wissenschaftliche Studien hingewiesen, die über neurologische Symptome und mögliche Langzeitfolgen, die das zentrale Nervensystem betreffen, berichten. Bei einigen Covid-19-Patienten wurden direkte Schädigungen im Gehirn sichtbar. Das drückte sich in Unruhe und Verwirrtheit, aber auch Gedächtnisstörungen aus. Die Symptome traten während der Erkrankung auf. Es wird aber befürchtet, dass ein „Covid-19-Brain“ über längere Zeit bleiben kann.

Anfang Juni veröffentlichten zum Beispiel französische Forscher ihre Beobachtungen in der Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“: Von 58 untersuchten Covid-19-Patienten auf Intensivstationen litten 84 Prozent an neurologischen Symptomen. Zum Zeitpunkt der Entlassung aus dem Krankenhaus traten noch bei einem Drittel der Patienten Anzeichen von Verwirrung und Desorientierung auf.

Hirnschäden selbst nach einer milden Covid-19-Erkrankung

Britische Neurologen haben jetzt Untersuchungsergebnisse in der Zeitschrift „Brain“ veröffentlicht, wonach SARS-CoV-2 selbst bei Patienten mit leichten Symptomen oder bei bereits Genesenen schwerwiegende Hirnschäden verursachen kann.

Studienleiter Michael Zandi vom University College London sagt. „Wie Covid-19 das Gehirn attackiert, haben wir bei anderen Viren noch nie gesehen.“ Die 40 untersuchten Patienten erlitten Entzündungen im zentralen Nervensystem, eine vorübergehende Gehirnschädigung (Enzephalopathie) mit Delirium oder Psychose, einige auch Schäden der peripheren Nerven mit Lähmungserscheinungen.

Die britischen Neurologen befürchten, dass die COVID-19-Erkrankung bei einigen Patienten subtile Hirnschäden hinterlassen könnte, die sich erst in den kommenden Jahren bemerkbar machen.

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