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Digitalisierung in der Schule“: “Haben die Welt Gates und Zuckerberg überlassen”

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Martin Fugmann ist Gymnasialdirektor in Gütersloh. Seine Schule arbeitet nicht erst seit dem Lockdown digital. Im Gespräch mit FOCUS Online spricht er über das größte Problem der Bildungspolitik – und sagt, was sich deutsche Schulen von Apple abschauen sollten.

FOCUS Online: Im Juni hatte sich der Schulalltag in Ihrem Gymnasium in Gütersloh gerade wieder halbwegs normalisiert. Dann kam der Tönnies-Ausbruch direkt nebenan. Sie sagen: „Das war kein Problem. Wir mussten nur einen Schalter umlegen.“ Was haben Sie getan?

Martin Fugmann: Wir waren erfreulicherweise schon im Besitz einer eigenen E-Learning-Plattform. Binnen kürzester Zeit waren alle Schüler, Lehrer und Eltern über die aktuelle Lage informiert und der Unterricht ging über die schuleigene digitale Lernplattform „NERDL“ nahtlos weiter. Darüber hinaus konnten wir aus den Erfahrungen unserer Partnerschule in Shanghai viel lernen und waren zusätzlich mit anderen Auslandsschulen, die bereits Wochen zuvor schließen mussten, gut vernetzt.

Schule in der Krise: „Das Tablet gehört in die Schultüte der Erstklässler – nicht der Radiergummi“

Was ist NERDL?

Fugmann: Das ist ein Lernmanagement-System, das der Berliner Entwickler Sebastian Geus an der Deutschen Schule im Silicon Valley programmiert hat und das wir gemeinsam mit Lehrern, Eltern und Schülern an unserer Schule weiterentwickelt haben. Mit dem Programm kann man die meisten Lernprozesse abbilden – Aufgaben hochladen, Feedback geben, Projektarbeit über gemeinsam nutzbare Plattformen erledigen. Die Daten werden auf einem eigenen Server in Deutschland gehostet.

Sie haben sechs Jahre lang eine deutsch-internationale Schule in Kalifornien geleitet. Was hat Ihnen die Zeit im Silicon Valley über Digitalisierung in der Bildung gelehrt?

Fugmann: Vor allem eins: Wir brauchen mehr Visionäre und gute bildungspolitische Leitplanken. Aber auch so viel Selbstständigkeit für Schulen wie möglich. Es hat keinen Zweck, wenn wir immer erst theoretische Konzepte schreiben müssen, um an Gelder zu kommen und neue Technik einsetzen zu können. Das ist, als wenn Sie eine Fahrschule aufmachen, die nur im Simulator stattfindet. Wir müssen mit den Dingen arbeiten, sie erproben, innovieren und daraus Konzepte entwickeln, die skalierbar sind. Wir sind in Deutschland viel zu ängstlich, was Innovationen angeht.

Digitalisierungs-Wüste Deutschland: „Wir haben die Welt Jeff Bezos, Mark Zuckerberg und Bill Gates überlassen“

Das Tablet gehört in die Schultüte der Erstklässler – nicht Spitzer und Radiergummi. Falls den Familien dazu die Mittel fehlen, müssen die Schulen eben Leihgeräte zur Verfügung stellen. Digitalisierung findet an deutschen Schulen immer nur an weiterführenden Schulen statt. Kleine Systeme kommen viel zu kurz. An Grund- oder Sonderschulen gibt es keine Informatiklehrer, die z.B. technischen Support leisten könnten. Aber wir sollten aufhören über Medienkompetenz an den Schulen zu sprechen – wir müssen mit den Kleinsten beginnen, sie zu leben.

Warum hängen deutsche Schulen bei der Digitalisierung so weit hinterher?

Fugmann: Wir haben in Deutschland einfach in den späten 90er-Jahren nicht erkannt, was eigentlich dazu notwendig wäre, das Land international digital so aufzustellen, dass wir anschlussfähig bleiben. Wir haben die Welt komplett den Jeff Bezos‘, den Mark Zuckerbergs, den Bill Gates‘ und den Steve Jobs‘ überlassen. Salopp gesagt: Anstatt in neue Technologien zu investieren wurden, in deutschen Schulen erst einmal die Toiletten restauriert. Das war mancherorts auch dringend nötig. Aber das reicht nicht.

Was steht deutschen Schulen im Weg? Ist es der Datenschutz?

Fugmann: Die Tatsache, dass wir uns seit mittlerweile vier Jahren Datenschutz-Streitereien über Office 365 liefern, in der Zeit aber auch keine eigenen, in Europa gehosteten Systeme aufgesetzt haben, sagt viel aus. Digitalisierung im Bildungsbereich ist in Amerika total selbstverständlich. Viele Glaubensfragen, über die wir uns vor Corona gestritten haben, sind dort längst beantwortet: Ob man zum Kommunizieren und Unterrichten auch eine Cloud nutzen soll, beispielsweise. Diese Fragen stellt man sich in Kalifornien nicht mehr. Das ist der Spirit, es einfach zu probieren und zu gucken, wo man landet.

Ich möchte auch nicht, dass personenbezogene Daten von Schülern im Netz landen. Deshalb haben die Schüler in unserer Lernplattform auch keine Klarnamen. Darüber hinaus werden die Daten regelmäßig gelöscht.

Müssen wir jetzt das gesamte Bildungssystem revolutionieren?

Fugmann: Irgendwie schon. Wir müssen vor allem das Lernen personalisieren. Die Frage lautet doch: Wie können wir in Zukunft sinnstiftend zusammenarbeiten und Standards sicherstellen? Ich bin ein totaler Fan des Modellversuchs „Selbstständige Schule“, bei dem die Neugestaltung der Schulorganisation mit mehr „Eigenverantwortung“ der Schulen erprobt wurde.

Schulen im Lockdown: Dank Cloud-Service in 30 Minuten zurück im Schulalltag

Es gibt in NRW beispielsweise Impulspapiere zum Distanzlernen, in denen von einer neuen Lernkultur im digitalen Zeitalter gesprochen wird, die wir umsetzen sollen – die aber gleichzeitig schon dadurch im Ansatz wieder zunichtegemacht wird, dass sich zum Beispiel an den Prüfungsformaten nichts ändert: Pro Jahr müssen zum Beispiel drei Klassenarbeiten geschrieben werden, die in den Schulräumen stattzufinden haben.

Wir brauchen neue Prüfungsformate, die stark auf Lernprozesse angelegt sind – Gruppenarbeiten, Projektarbeiten, die in Produkte münden. Bei Klausuren ist es oft gar nicht so entscheidend, ob die Schüler jetzt vorher im Unterricht waren oder nicht. Prüfungsformate dagegen, die neuen Formen des Lernens Genüge tun, sind sinnstiftend. Und die gibt es – das Netz ist voll davon! Jetzt sollte der Gesetzgeber da Öffnungen schaffen, um uns in die Lage zu versetzen, diese Dinge rechtssicher und vernünftig einzusetzen.

An manchen Schulen in Bayern hat es nach den Schulschließungen im April wochenlang gedauert, bis eine einheitliche Lernplattform (Mebis) gefunden und eingeführt wurde. Wie konnten Sie mit Ihren Schülern den Kontakt halten?

Fugmann: Auch an unserer Schule ist das System in den ersten 30 Minuten zusammengebrochen, als 1000 Schüler und 90 Kollegen um 8.00 Uhr gleichzeitig auf Ihren Onlineplan zugriffen. Aber wir konnten durch einen schnellen Cloud-Service bereits um 8.30 Uhr zu einem halbwegs normalen Schultagesrhythmus zurückkehren.

Die Struktur wurde ganz einfach online durch den Stundenplan aufrechterhalten. Jeder Lehrer war analog zum Stundenplan für die Schüler erreichbar – so konnten alle Fragen und Nöte besprochen werden. Als Backup gab es noch eine Notbetreuung in der Schule. Diese wurde allerdings zunächst gar nicht in Anspruch genommen. Die Schüler, bei denen wir das Gefühl hatten, dass sie uns aufgrund des Lockdowns entgleiten, haben wir direkt kontaktiert und in die Schule eingeladen. So konnten wir zu allen den Kontakt halten.

Lehrer im Lockdown: „Für unsere Lehrer war es eine sehr produktive Zeit. Sie konnten frei denken.“

Wie haben die Lehrer an Ihrer Schule den Lockdown empfunden?

Fugmann: Die Lehrer an meiner Schule haben den Lockdown als sehr produktive Zeit empfunden. Sie konnten ihre Ressourcen, die normalerweise für Schulveranstaltungen und ähnliches gebunden sind, anders nutzen. Sie konnten frei denken und beispielsweise selbst neue Formate zu Leistungskontrollen entwickeln. Klassenarbeiten konnten ja sowieso nicht geschrieben werden.

Sicher gibt es auch Kollegen, die der Umstellung auf digitale Lernformate und neue Lernmethoden skeptisch gegenüberstehen. Das kann ja auch einen Kontrollverlust bedeuten. Manche Schüler kennen sich in der digitalen Welt besser aus als ihre Lehrer. Damit muss man umgehen können. Es zeigt aber nur, dass auch das Personal an den Schulen Nachhilfe in Digitalisierung braucht.

Direktor: „Wir sind ein reiches Land. Ich bin zuversichtlich, dass wir unsere Schulen nach vorne bringen.“

Wie ist Ihre Prognose: Schafft es Deutschland, den Anschluss zu zu finden?

Fugmann: Das kann ganz klar gelingen. Wir müssen nur nach vorne denken. Noch haben wir die zentrale Herausforderung unserer Schulen nicht gelöst: Die Schere zwischen sozialem, ökonomischen Status und Migrationshintergrund der Familien und dem Bildungserfolg driftet immer weiter auseinander. Aber: Wir haben sehr gute Voraussetzungen – wir sind ein reiches Land, in dem auch der Wert der Bildung an sich nicht in Frage gestellt wird. Das ist sehr wichtig. Insofern bin ich zuversichtlich.

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