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Deutschland kämpft mit Papier und Bleistift gegen Corona

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Der technische Vorsprung der Esten, Litauer und Letten trägt dazu bei, dass sie gut durch die Krise kommen. Hierzulande wird die Pandemie zum Teil noch mit Excel-Tabellen, Papierformularen und Bleistift bekämpft. Braucht Deutschlands Krisenmanagement Nachhilfe von den Balten?

Es ist keine 30 Jahre her, da war Estland nur ein verarmter Außenposten am eisigen Nordostrand Europas. Inzwischen sprudeln in dem kleinen baltischen Land – und bei seinen zwei Nachbarn – aber Wohlstand und Ideen – vor allem bei der Digitalisierung.

Die Esten fordern digitale Rezepte vom Arzt an, ohne einen Fuß in die Praxis zu setzen. Sie bezahlen ihre Parkgebühren mit dem Handy, schließen Verträge dank e-Personalausweis am Computer ab und wählen ihr Parlament ganz ohne Wahlzettel, Kreuz und Kuli online. In „E-Estonia“, wie sich das Land gerne selbst nennt, können mehr als 3000 Dienstleistungen von Behörden und Unternehmen digital erledigt werden. Wovon Deutschland bislang nur träumen kann, erweist sich auch in der Coronakrise als ein Riesenvorteil.

Corona im Baltikum: In kaum einer anderen Region gibt es so wenige Infektionen

Zwar trifft die Pandemie auch das Baltikum: In Estland und Litauen sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um zuletzt 7,8 bzw. 5,1 Prozent. In Lettland wird für 2020 mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung um 8,6 Prozent gerechnet. Doch verglichen mit anderen EU-Ländern, wo der durchschnittliche Rückgang bei 12,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal liegt, kommen die baltischen Staaten wesentlich besser durch die Krise.

Ein ähnlich positives Bild auch bei den Corona-Fallzahlen: Litauen meldet bis Montag (24.8.) rund 2700 bestätigte Covid-19-Fälle, Estland 2000 und Lettland „nur“ rund 1000. Zwar leben in den drei Ländern insgesamt nur rund 6 Millionen Menschen, doch in kaum einer anderen Region in Europa sind gemessen an der Bevölkerungszahl so wenige Menschen am Coronavirus erkrankt wie im Baltikum. Auch die Zahl der Todesopfer ist auffällig niedrig.

“Baltische Staaten haben verstanden, dass man Pandemie nicht nur mit Maske und Abstand bekämpfen kann”

Was also machen die drei kleinen Länder in Europas Nordosten anders als Deutschland?

Dominic Otto, Vize-Chef der Deutsch-Baltischen Handelskammer, lebt im litauischen Vilinius und sagt: „Die baltischen Staaten haben verstanden, dass man der aktuellen Krise nur Herr werden kann, wenn man alle Möglichkeiten ausschöpft – wenn man nicht nur auf Masken und Abstandsgebot setzt, sondern auch auf technische Entwicklungen.“

In der Tat zeigt ein genauerer Blick auf den Umgang der baltischen Staaten mit Corona große Unterschiede zu Deutschland. Während hierzulande beim Erfassen des Infektionsgeschehens zum Teil noch mit Excel-Tabellen, Papierformularen und Bleistift gearbeitet wird und Gesundheitsämter vielerorts an Wochenenden einfach geschlossen sind, setzt zum Beispiel Litauen schon seit Jahren auf ein landesweites digitales Meldesystem zum Infektionsschutz, das den Datenfluss zwischen den staatlichen Behörden und öffentlichen Institutionen bündelt.

Im Zuge der Covid-19-Krise kreierten IT-Entwickler und Mobilfunkanbieter neue Features, so dass die Bürger regelmäßige Krisen-Updates per Messenger-Dienst aufs Handy gesendet bekommen. „Eine Test-Panne wie in Bayern wäre in Litauen undenkbar“, sagt Otto im Gespräch mit FOCUS Online.

Auch Künstliche Intelligenz kommt im Baltikum im Corona-Kampf zum Einsatz. Die Messenger-App ViLTE, ein Kommunikations-Tool, das innerhalb von nur wenigen Tagen von IT-Nerds programmiert wurde, beantwortet Nutzerfragen, leitet Informationen weiter und nimmt Praxen, Gesundheitsämtern und ihren Call-Centern so einen Teil ihrer Arbeit ab. Anders als in Deutschland, wo den Gesundheitsbehörden wegen chronischer Überforderung viele Verdachtsfälle gerade zu Beginn der Krise durchs Netz gingen, startete Litauen so bestens vorbereitet in die Pandemie.

Virus-Hotspots Schulen: In Litauen schenkt Microsoft allen Schülern sein Office-Paket

Hinzukommt auch ein gutes „analoges Krisenmanagement“, berichtet Dominic Otto. „Ich bin in Litauen schon mit Maske herumgelaufen, als das in Deutschland noch unvorstellbar war. Die Regierungen der baltischen Staaten haben allesamt sehr früh und sehr beherzt auf die drohende Gefahr reagiert. Das hat dazu geführt, dass wir bis vor wenigen Wochen fast wieder wie vor der Krise leben konnten.“

Inzwischen steigen wie in ganz Europa auch in den baltischen Staaten die Corona-Fallzahlen wieder an. Die im Juni aufgehobene Maskenpflicht wurde in Litauen vor kurzem wieder eingeführt. Die negativen Folgen der Krise und des Lockdowns werden aber vor allem wegen des hohen Digitalisierungsgrads deutlich abgemildert – im Home Office, das im Baltikum schon lange vor Corona zum Standard gehörte oder in den Schulen.

„Meine Tochter bekam im Frühjahr die Nachricht von der Schule, dass der Unterricht ab sofort über Zoom stattfindet. Das klappte auf Anhieb ohne Probleme. Microsoft Lithuania hat allen Schülern das Office-Paket kostenlos zur Verfügung gestellt. Und Kinder, deren Eltern finanziell schlechter gestellt sind, bekamen den Laptop von den Schulen gestellt“, berichtet Otto.

Telemedizin: Arztrezepte gibt es online, psychologische Beratung via App

Auch Estland, das in der PISA-Studie 2018 in mehreren Bereichen auf Platz 1 landete, ist Vorreiter in Sachen digitale Bildung. Schon 1999 waren alle estnischen Schulen ans Internet angeschlossen. In der momentanen Situation ist das Land so gut auf digitalen Unterricht vorbereitet, dass der Bildungsminister im Frühjahr nicht die Schulschließungen in seiner Pressemitteilung in den Fokus rückte, sondern lediglich ankündigte: „Schools will be moved to distance learning“. Eine nette Geste des Homeschooling-Primus: Estland stellt gerade seine Fernunterrichtsmaterialien allen europäischen Bildungseinrichtungen zur Verfügung – kostenfrei.

Wie wichtig Digitalisierung in Pandemie-Zeiten ist, zeigte sich hierzulande auch in den Arztpraxen. Aus Furcht vor einer Ansteckung haben viele Deutsche in der Lockdown-Phase trotz gesundheitlicher Beschwerden den Arztbesuch vermieden. Auch hier hat das Baltikum die Nase vorn. Während in Deutschland gerade erst die Erstbehandlung via Bildschirm erlaubt wurde und seit kurzem auch Sprechstunden für Kassenpatienten abgerechnet werden können, wickeln Menschen in Litauen ihren Arztbesuch schon seit Jahren digital ab. Die Pandemie verleiht der Telemedizin dort jetzt noch mehr Schub.

Deutschland hinkt hinterher: “Wir sollten unsere Hemmschwelle bei der Digitalisierung überwinden”

Dank der preisgekrönten Hilfs-App „Act on Crisis” zum Beispiel können Nutzer jetzt in drei Sprachen mit einem Team aus Psychologen sprechen. Im stressigen Corona-Lockdown half das digitale Angebot bereits Tausenden Litauern mit Atemübungen und Gemeinschafts-Chats. Nun wollen die Entwickler unter anderem auch nach Deutschland bringen.

Psychologische Hilfe aus dem Baltikum also? Dominic Otto findet, dass Deutschland zumindest beim Thema Digitalisierung durchaus Hilfestellung aus Europas Nordosten nötig hätte. „Wir sollten unsere Hemmschwelle bei dem Thema überwinden und uns eine Scheibe von den baltischen Staaten abschneiden.” Nicht nur die guten Virus-Zahlen geben den Ländern in Europas Norden schließlich recht.

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