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Deutsche in der Humor-Krise: “Wir sollten mehr lachen für unsere Demokratie”

Dienstag, 22.09.2020, 06: 11

Durch die Corona-Pandemie ist vielen Deutschen die Lust am Lachen vergangen. Dabei hilft uns Humor, Krisen im Kleinen und Großen besser zu bewältigen. Wer jetzt lacht, tut sich etwas Gutes – und unserer Demokratie.

Dünnhäutig durch die Sorgen um Corona, erschrocken in der Ausgangsbeschränkung, genervt von der Maske. Viele Menschen haben 2020 Angst vor der Ungewissheit. Sorgen um ihre Familien und Arbeitsplätze. Panik vor fehlenden Einnahmen. Immer mehr Menschen gehen gegen Corona Maßnahmen auf die Straße. Alle sind wütend. Offensichtlich verlieren wir auch in Deutschland durch Covid-19 unseren Humor. Dabei benötigt unsere Demokratie ganz dringend eine Portion Humor.

Der Humor hat nach der ersten Schockstarre in der Corona-Krise auch in Deutschland gute Dienste geleistet: Der Osterhase war systemrelevant. Er hat natürlich keine Ostereier versteckt, sondern Klopapier. Humor macht eine Krise leichter und lässt uns durchatmen. Wir haben uns darüber lustig gemacht, dass wir Klopapier hamstern und nicht Wein wie die Franzosen. Und wenn Chuck Norris hustet, kauft sich Corona Klopapier und Nudeln. Humor schafft einen schnellen Perspektivwechsel. 

Humor sorgt für Aufmerksamkeit – und Deeskalation

Manch Cafébesitzer, der davon genervt war, dass die Gäste nicht viel von der Maske hielten, brachte ein Schild an: „Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod? Keine Maske aufsetzen und Sie finden es heraus.“ Der Maskenschutz ist für viele Gastronomen die Voraussetzung ist, überhaupt wieder öffnen zu dürfen. Darauf könnten Sie wütend pochen oder es humorvoll einfordern.  Wie der Zugbegleiter, der im ICE um die Nutzung des modischen Gesichtsaccessoires bittet.

Über die Autorin

Eva Ullmann arbeitet seit vielen Jahren als Humorexpertin, Autorin und Rednerin (www.diehumorexpertin.de). Sie hat in Leipzig das Deutsche Institut für Humor® (www.humorinstitut.de) gegründet und ist im deutschsprachigen Raum zu zahlreichen Trainings und Vorträgen in Institutionen und Unternehmen der Wirtschaft unterwegs. Sie hat Bücher und Hörbücher veröffentlicht. Auf dem Humorinstitut-Youtube-Kanal erscheinen immer wieder neue Humorimpulse. Ihr Buch „Humor ist Chefsache: Besser führen, verhandeln und präsentieren – so entwickeln Sie Ihren humorvollen Fingerabdruck“ erscheint im November.

Humor sorgt für sofortige Aufmerksamkeit. Und häufig auch für Deeskalation. Sie erinnern sich an Comedian Andre Kramer? Er sorgte während der Krawalle rund um den letzten G20-Gipfel in Hamburg für ein erlösendes Lachen. Hamburg war mit hochgerüsteten Polizeitruppen und randalierenden Demonstranten im Ausnahmezustand. Kramer ging mit einem Demo-Schild vor die Tür, auf dem stand: „Ich bin Anwohner und will nur schnell zum Edeka. Danke.“

Humor hilft im Alltag angespannte Momente zu unterbrechen. Sie sitzen in der Bahn. Endlich wieder. Sie haben einen Platz an einem recht entspannten Vierer-Tisch. Doch dann stürmt eine offensichtlich von der Maskenpflicht genervte, böse dreinschauende Frau auf Sie zu und faucht Sie an: „Sie sitzen auf meinem Platz!“ Wie reagieren Sie?

In Krisen sollten wir weniger übereinander herziehen – auch über unsere Spitzenpolitiker

Oft sind wir erst mal irritiert. Meist hören wir tatsächlich kurz auf, zu atmen. „Ah ja, kann ich mal Ihr Ticket sehen? Sie sehen nicht so clever aus als könnten Sie sich einen Platz reservieren.“ Zack, das hat gesessen. Sie ist ja selber schuld. Sie hat schließlich angefangen. Tun Sie mir bitte einen Gefallen: Das nächste Mal stehen Sie auf und sagen einfach: „Das ist super, dass Sie endlich kommen. Ich hab den Platz für Sie freigehalten.“ Der Gesichtsausdruck der Frau dürfte sie entschädigen. Und vielleicht hat sie sofort weniger Probleme mit der Maske. Und schon hat Humor eine Situation entspannt, die aktuell auch häufig genug eskaliert. Perspektivwechsel unterbricht Polarisierung.

Wenn es Menschen oder dem Unternehmen sehr gut geht, ist fast jede Form von Humor im Unternehmensalltag oder er Politik zu finden – und auch möglich. Das muss eine Demokratie aushalten. Doch in stressigen Situationen muss Humor noch deutlicher erkennbar sein als sonst. Humor muss in Krisen weniger zynisch sein und das bedeutet, noch weniger „übereinander herziehen“ als in guten Zeiten. Auch über unsere Spitzenpolitik.

Sicher haben Sie auch den ein oder anderen Corona-Witz gesehen. Zum Beispiel den: Eine Mutter am Schreibtisch. Drüber steht: Mutti weiß wie Homeoffice geht. Hinter ihr liegen die Kinder geknebelt am Boden. Oder den: Ein Comicbild zeigt einen Sanitäter, der zu einem Notfall kommt: „Gott sei Dank ein Herzinfarkt. Der Corona-Scheiß geht mir echt auf die Nerven.“

Lachen als Überlebensstrategie: Wir brauchen mehr Humor denn je

Eine Krise fördert also, bei einer Person, bei einem Unternehmen genau wie in einer Gesellschaft kontextbezogen neuen Humor. Martin Sonneborn, ehemaliger Journalist beim Titanic Satiremagazin und nun seit vielen Jahren im EU-Parlament, postete: „Habe heute maskierte Männer an der Tankstelle bei einem Überfall gesehen. Vorbildlich.“

Dieser Witz wäre 2019 nicht witzig gewesen. Fragen wie „Muss sich Farin Urlaub nun zu Inka Rantäne umbenennen“ kursierten durch das Netz. Zu lesen waren auch: „Wenn Kirche und Puff gleichzeitig schließen, dann haben wir echt ein Problem.“

Deutschland – Deine Chancen

Eine Krise verändert und beeinflusst den Humor aller Betroffenen. Humor geht jedoch nie verloren. Er ist eine Überlebensstrategie. Aktuell brauchen mir mehr Toleranz und Humor denn je.

Ein humorvolle Fingerabdruck bringt sogar an Ihrem Arbeitsplatz etwas. Das zeigt das Beispiel des Klinikums Dortmund. Dort suchte man, wie im Moment so oft Fachkräfte, selbst junge Mitarbeitende im Freiwilligendienst waren schwer zu finden. Die Klinik produzierte ein ungewöhnliches Video. Als Inspiration diente der Volvo-Werbespot „Epic Split“ mit Action-Legende Jean-Claude Van Damme, bei dem er einen Spagat zwischen zwei fahrenden Trucks absolviert. Das Setting wurde kurzerhand auf zwei nebeneinander geschobene Klinikbetten übertragen. Eine Krankenschwester aus dem Klinikum Dortmund wagte den Spagat-Stunt – verbunden mit der Botschaft, man möge sich für den Berufsfreiwilligendienst bewerben.

Humor in der Krise – auch für Unternehmen ein Gewinn

Für diesen Film räumte das Klinikum nicht nur einen Preis nach dem anderen ab, sondern erhielte auch 20 Prozent mehr Bewerbungen. Die sehr wertschätzende Kampagne nutzt Sozialen Humor (also Humor, der nicht auf Kosten anderer geht). Dortmund war das erste Krankenhaus, das in seinen Kampagnen mutiger und ungewöhnlicher war.

Andere Institutionen folgten mit ungewöhnlicher Werbung, etwa die Verpackungswerkstatt einer diakonischen Stiftung: Auf Ihren Werbeplakaten sieht man, wie der Chef der Werkstätten mit Klarsichtfolie auf einer Europalette verpackt wird. Darunter steht: „Wir verpacken fast alles.“ Die Berliner Stadtreinigung zieht seit über 20 Jahren Bewerber magisch an – durch aufwertendes und humorvolles Außenmarketing. Die „Men in Orange“ bewerben ebenso das Unternehmen wie das Müllauto, auf dem steht: „Ich bring nur schnell den Müll weg, Schatz.“ Mittlerweile fotografieren Touristen in der Hauptstadt die Mülleimer der BSR. Denn auf ihnen stehen schlaue Sprüche wie „Eimer für alle“.

In stürmischen Zeiten wie diesen, wo große Veränderungen in unserer Gesellschaft an der Tagesordnung sind, scheint Humor ein hilfreicher Begleiter für uns zu werden. Die Berliner Stadtreinigung ist eines der wenigen Unternehmen, die keinen Mangel an Bewerbungen bzw. an Fachkräften haben. Auf ihre BSR sind die Berliner stolz und die Mitarbeitenden sind stolz bei der Stadtreinigung zu arbeiten. Das kann Humor also leisten. Menschen aufwerten.

Schärfen Sie Ihr Humormesser – unsere Demokratie kann es dringend gebrauchen!

Also hören Sie auf mit dem veralteten Klischee, die Deutschen hätten keinen Humor. Glauben Sie niemandem, der sagt in der Krise verlieren wir alle unseren Humor. Langweilen Sie mich nicht mit der Behauptung, Sie könnten keine Witze erzählen und fangen Sie einfach an zu üben. Trainieren Sie Witze und Geschichten lustig zu erzählen, üben Sie Humortechniken, nutzen Sie die Krise um Ihre Liebsten oder Kollegen in ängstlichen Momenten liebevoll zu entspannen.

Dann können Sie Ihr geschärftes Humormesser auch in der nächsten Veränderung Ihres Unternehmens oder Lebens als hilfreicher Begleiter mitnehmen. Humor sorgt für Differenzierung und wirkt der Polarisierung und sogar der Polemisierung entgegen. Diese Unterstützung von uns allen kann unsere Demokratie ganz dringend gebrauchen.

Markus Söder spricht sich für Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen in München aus


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