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Angst während der Pandemie ist überlebenswichtig

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Gastbeitrag von Gerald Hüther: Corona-Angst macht aus uns Verdränger – so befreien wir uns aus ihrem Würgegriff

Die Corona-Pandemie schürt viele Ängste. Jeder Einzelne geht anders mit ihnen um: Während die einen sie schlicht verdrängen, suchen andere nach Sündenböcken. Hirnforscher Gerald Hüther erklärt, warum Angst wichtig ist – und was wir Menschen jetzt brauchen, um sie in der Krise zu überwinden.

Mit unserem plastischen, zeitlebens lernfähigen Gehirn müssen wir erst herausfinden, worauf es im Leben ankommt. Deshalb sind und bleiben wir Suchende. Aber allzu leicht können wir uns auf dieser Suche nach einem glücklichen und sinnerfüllten Leben auch verirren, als Einzelne ebenso wie als ganze Gesellschaft. Sobald wir zu spüren beginnen, dass wir auf Abwege geraten sind, bekommen wir Angst. Und das ist gut so. Die Angst ist unser wachsamster Begleiter. Sie ermöglicht es uns, aus Fehlern zu lernen. Ohne Angst können wir nicht leben.

Aber Angst zu haben, ist ein äußerst unangenehmes Gefühl. Deshalb versuchen manche Menschen, sogar durchaus berechtigte Ängste zu ignorieren. Manche machen auch die  Erfahrung, dass sich eine tief in ihnen spürbare Angst durch eine andere, vordergründiger ausgelöste und besser kontrollierbare Angst überlagern lässt.

Einige versuchen sogar, die Ängste anderer Menschen zu schüren, um eigene Interessen und Absichten durchzusetzen. Unsere gesamte, im kollektiven Gedächtnis verankerte Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte der Instrumentalisierung dieses Gefühls der Angst zum Zweck der Durchsetzung von Machtinteressen einzelner Herrscher oder nach Herrschaft strebender Cliquen. Wer – aus was für Gründen auch immer – außerstande ist, das zu durchschauen und keinen Weg findet, sich aus der von diesen Personen bewusst geschürten Angst zu befreien, ist verloren.

Menschen befreien sich auf verschiedene Weise von Angst

Und es stimmt ja. Angst macht uns hilflos, wir fühlen uns wie gelähmt, es schnürt uns die Kehle zu, das Herz rast, die Knie beginnen zu zittern, kalter Schweiß tritt auf die Stirn. Als ob der Gedanke an das unerwartete und scheinbar unlösbare Problem, das da auf uns zukommt, nicht schon bedrohlich genug wäre, spielt nun auch noch der ganze Körper verrückt.

So gesellt sich zur ersten Angst vor der äußeren Gefahr nun auch noch eine Zweite: Die vor dem, was jetzt in unserem und mit unserem Körper geschieht. Recht leicht zu verstehen ist ihre Botschaft. Lässt sie uns doch so eindringlich spüren, dass unser Leben auf bedrohliche Weise ins Wanken gerät, wenn etwas geschieht, was wir so nicht erwartet hatten. Lange auszuhalten ist dieser Zustand nicht, deshalb versucht jeder, der in den Würgegriff der Angst geraten ist, sich möglichst schnell wieder daraus zu befreien. Allerdings sind die dafür gefundenen Lösungen nicht immer tragfähig genug.

Die einfachsten zur Bewältigung ihrer Angst von Menschen eingesetzten Strategien lassen sich gegenwärtig in Form der häufigsten Reaktionen auf die Corona-Pandemie besonders gut beobachten: leugnen und verdrängen, überwachen und kontrollieren und, nicht zuletzt, nach Schuldigen suchen, um die für das beängstigende Geschehen verantwortlich zu machen.

Das Ignorieren, Verdrängen und Leugnen der von Covid-19 ausgehenden Gefahr funktioniert nur so lange, wie die Warnungen von Experten und der von ihnen beratenen Politiker von diesen Personen als nicht relevant betrachtet werden, weil deren unheilverkündende Prophezeiung noch nicht eingetreten ist.

Manche haben das anfangs versucht, sind dann aber angesichts der Katastrophenberichte aus Norditalien, Spanien und den USA eines Besseren belehrt worden. Übrig geblieben sind die „Corona-Leugner“, die den Wahrheitsgehalt dieser Darstellungen bezweifeln. Es ist nur allzu verständlich, dass die nun in den sogenannten alternativen Medien, auf öffentlichen Kundgebungen und Demonstrationen nach Gleichgesinnten Ausschau halten.

Über den Experten

Gerald Hüther, Jahrgang 1951, ist Professor für Neurobiologie und gehört zu den renommiertesten und bekanntesten Hirnforschern der Republik. Er versteht sich als „Brückenbauer“ zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und gesellschaftlicher Lebenspraxis. Über seine Vision eines besseren Bildungssystems schreibt er in seinem neuen Buch.

Verschwörungstheoretiker suchen nach Schuldigen

Nicht wenige Mitbürger suchen für die sich ausbreitende Pandemie fast reflexartig nach Schuldigen. Sie bezichtigen wissenschaftliche Experten und politische Entscheidungsträger, „keine Ahnung zu haben“, unfähig zu sein oder eigene Interessen zu verfolgen. Manche gehen noch einen Schritt weiter und vermuten, dass „dunkle Kräfte“, Pharma- und Internetkonzerne oder „machthungrige“ Leute wie Bill Gates im verborgenen ihre Stippen gezogen haben. Dass solche, nach Schuldigen suchende Personen gern im Internet und auf der Straße nach weiteren Anhängern und Befürwortern ihrer „Verschwörungstheorien“ suchen, ist ebenso verständlich.

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Die meisten Menschen in unserem Kulturkreis sind fest davon überzeugt, dass alles im Leben, auch so eine Virusausbreitung, durch geeignete Verfahren und Gegenmaßnahmen unter Kontrolle zu bringen ist. Sie gehen  davon aus, dass es bald ein Medikament oder einen Impfstoff geben wird, mit dem sich diese Erkrankung „bekämpfen und besiegen“ lässt.

Auch das ist eine verständliche Reaktion, immerhin haben wir Menschen es ja auch geschafft, bis auf den Mond zu fliegen. Bis der Impfstoff verfügbar und alle Bürger immunisiert worden sind, wird alles getan, was nach Einschätzung der Experten für Virologie und Epidemiologie geeignet ist, die weitere Ausbreitung dieses Virus zu verhindern.

Kollateralschäden treten deutlicher zutage

So weit, so gut, sollte man meinen, und die Mehrheit der Bürger hält sich ja auch an diese Präventionsmaßnahmen. Aber je länger sie andauern, als desto schwieriger erweist sich ihre konsequente Umsetzung. Von den Experten nicht bedachte Kollateralschäden treten zunehmend deutlicher zutage.

Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens, die Bedrohung wirtschaftlicher Existenzen, die Anhäufung gigantischer Schuldenberge und vor allem die Aussicht, dass es noch lange so weitergeht und das alltägliche Leben, das Heranwachsen der Kinder und die Begleitung älterer Angehöriger von dem Schutz vor Infektionen bestimmt wird, macht vielen Bürgern Angst.

Müssen herausfinden, was in der Pandemie schiefgelaufen ist

Nichts ist also gut, wir haben uns mit der Vorstellung, alles kontrollieren und überwachen zu können, in ein unlösbares Dilemma hineinmanövriert. Diejenigen, die die von diesem Virus ausgehende Gefahr leugnen oder diese Pandemie für das Machwerk dunkler Kräfte halten, werden uns daraus weder heraushelfen wollen noch können.

So bleibt uns nur übrig, gemeinsam herauszufinden, was hier schiefgelaufen ist. Statt mit dem Finger auf andere zu zeigen, könnten wir uns dazu auch einfach nur gegenseitig befragen: Ist alles, was lebendig ist, tatsächlich so gut kontrollierbar und beherrschbar wie wir es geglaubt haben? Was soll das für eine Zukunft sein, wenn wir diese in jeder Hinsicht nach unseren Vorstellungen ausgerichtet und gestaltet haben? Eine Zukunft ohne Überraschungen, ohne das unvorhersehbare, das immer wieder Neue? Ist das Leben noch lebenswert, wenn wir es von der Zeugung bis zum Tod perfekt zu kontrollieren und zu beherrschen gelernt haben? Was wollen wir unseren Kindern mit auf den Weg geben? Die Angst, sie könnten andere anstecken und schuldig werden an deren Tod?  Und wie wollen wir sterben? Allein, mit Mundschutz und Abstandsregelung im Altersheim?

Wenn diese Corona-Krise vorbei ist, werden wir gemeinsam der Frage nachgehen müssen, ob unsere Angst berechtigt war oder ob sie nur deshalb so groß werden konnte, weil wir uns gegenseitig Angst gemacht haben.

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