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Elternsprecher: “Die Politik hätte die Sommerpause besser nutzen müssen”

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FOCUS Magazin | Nr. 34 (2020)

Beim großen FOCUS-Schulgipfel diskutierte KMK-Präsidentin Stefanie Hubig mit Eltern- und Lehrervertretern über die Maskenpflicht und die Gefahren erneuter Schulschließungen.

In diesen Tagen beginnt an Deutschlands Schulen ein gigantisches Experiment. Elf Millionen Schülerinnen und Schüler kehren nach den Sommerferien wieder in die Klassenzimmer zurück. Zum ersten Mal seit Ausbruch der Corona-Epidemie soll wieder geregelter Präsenzunterricht in allen Klassen stattfinden. Das Schuljahr 2020/21 wird damit zu einem nie gekannten Stresstest für das deutsche Bildungssystem. Ist ein normaler Schulbetrieb trotz Corona möglich? Können sich berufstätige Eltern darauf verlassen, dass die Schulen offen bleiben? Lassen sich die Bildungslücken aus dem Frühjahr wieder schließen? Und wird der digitale Fernunterricht nun besser funktionieren als vor den Sommerferien?

Über diese und weitere Fragen diskutierten führende Vertreter der Politik, der Lehrerschaft und der Eltern beim FOCUS-Schulgipfel. Einig waren sich die Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Bildungsministerin von Rheinland- Pfalz, Stefanie Hubig (SPD), der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, und Stephan Wassmuth, Chef des Bundeselternrats, vor allem in einem: Dieses Schuljahr wird allen Beteiligten große Lernbereitschaft abverlangen.

FOCUS: Nach den Sommerferien hat der Unterricht mittlerweile wieder in sechs Bundesländern begonnen. Ist der Neustart gelungen?

Meidinger: Noch ist es zu früh, um das zu beurteilen. Klar ist: Eine Rückkehr zum normalen Unterricht wie vor Corona wird es lange nicht geben. Ob die Hygienepläne umgesetzt werden können und wie wirksam sie sind, muss sich erst zeigen.

Zwei Schulen in Mecklenburg-Vorpommern mussten kurz nach dem Start schon wieder schließen.

Stefanie Hubig: Das zeigt, dass wir weiterhin in einer Ausnahmesituation leben. Die Pandemie lässt sich eben nicht abschalten. Wir wollen, dass alle Schülerinnen und Schüler in einen geregelten Präsenzunterricht zurückkehren. Aber es ist völlig klar, dass es bei einem Infektionsgeschehen wieder zu lokalen Schulschließungen kommen kann. Wir müssen wachsam bleiben.

Bundesweit soll der Unterricht nach den Plänen der Kultusminister im Regelbetrieb stattfinden. Sind die Schulen darauf gut vorbereitet?

Meidinger: Große Defizite sehe ich nach wie vor bei der digitalen Ausstattung der Schulen. Da ist in den Sommerferien nicht der erforderliche Qualitätssprung erfolgt.

Ich finde, dass die Länder zu spät mit den Vorbereitungen auf das neue Schuljahr begonnen haben.

Wassmuth: Ich finde, dass die Länder zu spät mit den Vorbereitungen auf das neue Schuljahr begonnen haben. Wir waren vor den Ferien auf einem guten Weg, der Unterricht in Kleingruppen funktionierte. Nun wieder alle Schüler auf einen Schlag zurückzuholen, geschieht aus meiner Sicht zu schnell und zu unvorsichtig. Die Politik hätte die Sommerpause besser nutzen müssen.

Hubig: Da muss ich Ihnen deutlich widersprechen. Die Kultusminister, die Aufsichtsbehörden und das Schulpersonal haben vor und in den Ferien ohne Unterlass gearbeitet, um die Dinge möglichst gut auf die Spur zu bringen. Es ist noch nicht alles perfekt, aber angesichts einer Situation, die es so noch nie gab, und der hochdynamischen Lage, kann das auch niemand erwarten.

Nächste Woche beginnt auch in Hessen wieder der Unterricht. Herr Wassmuth, schicken Sie Ihre drei Kinder ruhigen Gewissens in die Schule?

Wassmuth: Grundsätzlich ja. Ich hoffe, dass der Schulstart zumindest einen kleinen Schritt zurück zur Normalität bedeutet. Dennoch mache ich mir natürlich auch Sorgen, ob alles gut geht. Hoffentlich unberechtigt.

Sie bekommen als Chef des Bundeselternrats viele E-Mails von Eltern. Was sind deren Sorgen und Ängste?

Wassmuth: Da gibt es eine große Bandbreite. Manche lehnen Masken und Abstandsregeln komplett ab, andere würden die Kinder am liebsten ganz zu Hause behalten. Grundsätzlich fühlen sich viele Eltern von der Politik nicht richtig in dieser schwierigen Lage mitgenommen. Da fehlt es häufig an verständlichen Informationen und Mitspracherechten.

Ein Problem wird auch der Personalmangel sein. Wie viele Lehrer werden fehlen, weil sie zur Risikogruppe zählen?

Hubig: Genaue Zahlen liegen uns noch nicht vor, weil der Schulbeginn in einigen Bundesländern erst noch bevorsteht. Wir gehen aber im Moment davon aus, dass in der Regel weniger als fünf Prozent der Lehrer fehlen werden.

Wie wollen die Kultusminister die Unterbesetzung auffangen?

Hubig: Die Länder werden darauf individuell reagieren. Für Rheinland-Pfalz kann ich sagen, dass wir zusätzlich Geld in die Hand nehmen wollen, um mehr Personal in die Schulen zu bekommen.

Statt Mindestabstand soll es feste Gruppen geben, damit sich die Schüler möglichst wenig durchmischen. Aber ist das nicht spätestens an der Bushaltestelle hinfällig?

Hubig: Auch im neuen Schuljahr gelten die Abstandsregeln an den Schulen – nicht im Unterricht, aber in den Fluren und auf dem Pausenhof. Außerhalb des Schulgeländes ist mir bewusst, dass die Schule das nicht kontrollieren kann. Aber ich appelliere dringend an alle, die Regeln zu beachten.


Wenn ich sehe, wie sich manche Erwachsene am Wochenende im Biergarten oder am Strand verhalten, bin ich erschüttert.

Gibt es also einen doppelten Standard für Schulen?

Hubig: Um es ganz offen zu sagen: Wenn ich sehe, wie sich manche Erwachsene am Wochenende im Biergarten oder am Strand verhalten, bin ich erschüttert. Wir erfüllen an den Schulen die höchsten Auflagen, um Bildung zu ermöglichen, während sich andere in ihrer Freizeit unvernünftig verhalten. Dafür habe ich als Bildungsministerin kein Verständnis. Die Gesellschaft als Ganzes muss in dieser Lage verantwortungsbewusst handeln.

Sollte es in allen Bundesländern auch im Unterricht eine Maskenpflicht geben?

Meidinger: Als Vorsichtsmaßnahme halte ich das für absolut richtig. Zwar ist jedem klar, dass Masken den Unterricht grob beeinträchtigten. Es geht hier um eine Abwägung zwischen Bildungsauftrag und Gesundheitsschutz. Wir als Lehrerverband sind für Schulöffnungen, ganz klar. Aber wenn Abstände nicht eingehalten werden können, müssen wir das mit anderen wirksamen Hygieneschutzmaßnahmen auffangen. Deshalb kommen wir

wahrscheinlich an einer Maskenpflicht für ältere Schüler zumindest in den ersten Wochen nach Schulbeginn nicht vorbei, solange sich das Infektionsrisiko durch Reiserückkehrer nicht genau einschätzen lässt.

Wassmuth: Ich glaube, wir können das den Kindern nicht zumuten, sechs bis acht Stunden lang die Maske zu tragen. Da müssen wir andere Lösungen finden, zum Beispiel bei den Lüftungsanlagen.

Frau Hubig, Sie sind Bildungsministerin in Rheinland-Pfalz. Warum halten Sie die Maskenpflicht im Unterricht im Gegensatz zum Nachbarland Nordrhein-Westfalen für nicht erforderlich?

Hubig: Das ist ein wichtiges Thema und deshalb haben sich die Länder darüber ausgetauscht. Wir gehen hier in die gleiche Richtung: Außerhalb des Klassenzimmers sollte die Maskenpflicht gelten. Wo das Infektionsgeschehen höher ist, kann bei älteren Schülern auch im Unterricht ein Mundschutz zur Pflicht werden. Genau das hat Nordrhein-Westfalen getan. Wir sind uns in der Kultusministerkonferenz einig, dass solche Maßnahmen in Erwägung gezogen werden müssen.

Faktenreport: Schule

  • 10,91 Millionen Schüler besuchten im Schuljahr 2019/20 allgemeinbildende und berufliche Schulen in Deutschland
  • 32.577 allgemeinbildende Schulen gibt es nach letztem Stand (2019), fast die Hälfte davon sind Grundschulen
  • 728.334 Einschulungen zählte das Statistische Bundesamt im vergangenen Schuljahr
  • 1600 Lehrer haben in Schleswig- Holstein ärztliche Atteste vorgelegt, wonach sie zu Risikogruppen gehören. Bislang wurden jedoch nur wenige von ihnen vom Unterricht befreit
  • 125 Millionen Euro wurden bis Juni 2020 von den Ländern aus dem Digitalpakt Schule abgerufen. Das entspricht gerade einmal 2,5 Prozent des Budgets von fünf Milliarden Euro
  • FOCUS-Umfrage: Sollen an den Schulen weniger strikte Hygieneregeln gelten, damit der Schulunterricht und die Betreuung der Schüler in den Schulklassen wieder normal starten können? Ja: 33 Prozent. Nein: 58 Prozent
  • Nur noch 3,6 Stunden pro Tag beschäftigten sich Kinder laut ifo-Studie während der Corona-Krise mit Schulstoff. Zuvor waren es im Durchschnitt 7,4 Stunden

Oft war abfällig von einem „Flickenteppich“ bei den Corona-Regeln an den Schulen die Rede. Hat der Föderalismus in der Krise versagt?

Hubig: Es ist gut, dass wir unsere Entscheidungen auf die Gegebenheiten vor Ort anpassen können. Nicht jede Schule ist gleich. Die Kultusministerkonferenz hat einen gemeinsamen Rahmenhygieneplan für den Schulstart verabschiedet. Wir sind in vielen Punkten, wie den Abstandsregeln, nah beieinander und haben vereinbart, dass wir uns weiter eng abstimmen – etwa, wenn es um die Abschlussprüfungen geht. Abhängig vom Infektionsgeschehen gibt es aber Unterschiede bei der konkreten Ausgestaltung vor Ort. Das schafft einen klaren Rahmen, aber Schulen brauchen auch Flexibilität.

Finden Sie die Konzepte der Länder klar und eindeutig genug, Herr Meidinger?

Meidinger: Bei aller Kritik möchte ich nicht in der Haut der politisch Verantwortlichen stecken. Sie müssen in ihren Entscheidungen sehr viele verschiedene Positionen abwägen. Dennoch fehlt mir der rote Faden in der Politik. Natürlich ist das Infektionsgeschehen von Ort zu Ort unterschiedlich. Aber deshalb sollte nicht jedes Land seinen eigenen Hygieneplan machen. Im Kern geht es doch überall um ein und dasselbe Ziel: Wir müssen verhindern, dass die Schulen zu neuen Infektionsherden werden.

Sie waren bis vor Kurzem Leiter eines Gymnasiums in Deggendorf. Wo sehen Sie in der Praxis die größten Probleme beim digitalen Unterricht?

Meidinger: Es gibt Haushalte, in denen Schüler zwar ein Smartphone, aber keinen Arbeitscomputer mit Tastatur haben. In der Fläche ist die Breitbandversorgung immer noch ein großes Problem. Ich hoffe, dass die 500 Millionen Euro von Bund und Ländern für die Schülerleihgeräte schnell an die Schulen gelangen. Aber bei alledem ist meine Erfahrung: Selbst der beste Online-Unterricht kann nie den Präsenzunterricht ersetzen.

Warum hat eigentlich immer noch nicht jedes Schulkind in Deutschland ein iPad?

Hubig: Die einfache Antwort: Weil die Situation vor Corona eine andere war und die Prioritäten zu Recht vor allem bei der Unterrichtsversorgung lagen.

Aber wir brauchen mehr Geld für Bildung, deshalb habe ich mich immer für Lockerungen beim Kooperationsverbot eingesetzt, damit der Bund die Länder im Bildungssektor finanziell besser unterstützen kann. Wir gehen diesen Weg nun gemeinsam, und ich bin überzeugt, dass er notwendig ist. Gerade sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler brauchen unsere Hilfe und müssen mit digitalen Endgeräten ausgestattet werden.

Bisher wurde nur ein Bruchteil der fünf Milliarden Euro aus dem Digitalpakt für die Schulen abgerufen. Warum dauert es so lange?

Hubig: Das Geld aus dem Digitalpakt ist nicht für Endgeräte, sondern in erster Linie für die digitale Infrastruktur an Schulen vorgesehen – etwa WLAN-Ausleuchtung. Das ist auch sinnvoll, aber ich stimme zu, dass das schneller gehen muss. Wir sind bei der Digitalisierung noch nicht da, wo wir hinwollen und hinmüssen.

Zum Thema: FOCUS Online exklusiv – Umfrage: Nur wenige Schulträger beantragen bislang Fördermittel aus Digitalpakt

Die Krise zeigte gerade beim Fernunterricht eklatante Schwächen auf. Wie klappte das Homeschooling bei Ihnen, Herr Wassmuth?

Wassmuth: Auch wir haben schlechte Erfahrungen gemacht. Einmal hat meine Tochter einem Lehrer ihre Hausaufgaben zugeschickt und bekam wochenlang keine Rückmeldung. Wir sind uns, glaube ich, alle einig, dass das so nicht weitergehen kann.

Was muss sich ändern?

Wassmuth: Digitalisierung ist nicht nur eine Frage des Geldes. Manche Schulen haben den digitalen Unterricht auch ohne Zuschüsse und bereits lange vor dem Digitalpakt vorangetrieben und gute Konzepte entwickelt. Ganz wichtig ist für mich, dass wir in der Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte einen Schwerpunkt auf den Fernunterricht legen. Für mich ist das derzeit das A und O, damit unsere Kinder nicht den Anschluss verlieren, falls der Regelbetrieb nicht wie geplant funktioniert und Schulen wieder schließen müssen.

Digitalisierung ist nicht nur eine Frage des Geldes. Manche Schulen haben den digitalen Unterricht auch ohne Zuschüsse vorangetrieben.

Laut einer ifo-Studie haben sich die Schüler in der Corona-Krise nur noch halb so lang mit Schulaufgaben beschäftigt wie zuvor. Lässt sich das überhaupt nachholen?

Meidinger: Da muss man differenzieren. Manche Schüler haben sich nach meiner Einschätzung sogar mehr mit dem Lernstoff beschäftigt, andere dagegen kaum noch oder gar nicht mehr. Die soziale Schere ist dadurch leider weiter auseinandergegangen.

Welche Verantwortung tragen die Lehrer?

Meidinger: Bei 800.000 Lehrern in Deutschland kann niemand bestreiten, dass nicht alle das gleiche Engagement an den Tag gelegt haben. Vielleicht war aber auch die Erwartungshaltung mancher Eltern nicht realistisch. Für Lehrkräfte, die in vielen Klassen unterrichten, war es in dieser nie dagewesenen Ausnahmesituation des Fernunterrichts schlichtweg unmöglich, jedes Kind tagtäglich individuell zu betreuen und ständig Feedback zu geben. Die übergroße Mehrheit der Lehrer hat tolle Arbeit geleistet.

Befürworten Sie einen Corona-Bonus für besonders engagierte Lehrer?

Meidinger: Ich bin grundsätzlich der Auffassung, dass besondere Leistungen von Lehrkräften auch mit Leistungsprämien honoriert werden sollten. Die Möglichkeit dazu gibt es in den Beamtengesetzen der Länder, leider werden Sie aber nur in einigen wenigen umgesetzt.

Ich bin der Auffassung, dass besondere Leistungen von Lehrkräften auch mit Leistungsprämien honoriert werden sollten.

Kann sich Deutschland einen zweiten Schulstillstand leisten?

Hubig: Es gilt, alles zu tun, um das zu verhindern. Die Schüler haben ein Recht auf Bildung in der Schule, und sie brauchen ihre Mitschülerinnen und Mitschüler sowie ihre Lehrkräfte als soziales Umfeld. Das ist eine zentrale Aufgabe für die gesamte Gesellschaft.

Wassmuth: Es kann nicht sein, dass wir unseren Kindern ein zweites Schuljahr rauben. Die sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen wären fatal. Deshalb müssen wir jetzt miteinander und nicht gegeneinander Lösungen finden. Wir wollen für unsere Kinder das Beste erreichen.

Hubig: Genau.

Zum Abschluss: Was denken Sie, müssen wir in den nächsten Monaten lernen?

Hubig: Drei Dinge: Wir müssen bei der Digitalisierung schneller vorankommen und dabei alle mitnehmen – auch diejenigen, die schwierigere Startbedingungen haben. Außerdem müssen wir lernen, Rücksicht zu nehmen und auf uns gegenseitig aufzupassen.

Wassmuth: Ich finde, dass wir vor allen Dingen bei Problemen ehrlich miteinander sein sollten. Zudem braucht es in dieser Krise neues Denken. Wir müssen uns mehr Kreativität zutrauen.

Meidinger: Alle Beteiligten der Schulfamilie müssen enger zusammenarbeiten. Es hilft nicht, mit dem Finger auf den anderen zu zeigen. Denn die Probleme sind nur gemeinsam lösbar.

Dieser Text ist im FOCUS (Ausgabe 34/20) erschienen. Hier geht’s zur neuen Ausgabe:


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